Sliepen, Reiner: Monolog über die Sprache

Rasch flieht die Zeit dahin, wie eine Woge,
die eben noch des Meeres Kraft gespeichert
und hingestorben ist im Augenblick,
indem sie, überspült von neuer Energie,
die eigne Kraft verschwendet im Vergehn’.

Ein Sinnbild ist’s für uns’re Lebensreise,
für die Vergänglichkeit, für Abschiede,
die uns begleiten, von Kindheit an, ganz leis’.
Wir spüren’s kaum, wie neue Ahnung uns
umweht, wie neue Tore öffnen sich
in eine Welt verlockend bunt, voll Wunder.

Doch ach, gesäumet ist der Weg ins Neue
von Zeugen uns’rer Gegenwart, die morgen
schon den Friedhof des Vergessens füll’n.
Es ist die Spur des Fortschritts, der neuen
Ausdruck mit sich bringt. Ganz still verändert sich
die Sprache uns´rer Väter, das Wort, ihr Ton.
Jetzt ist ihr dürrer Klang entseelt, verzweckt.
Jetzt passt sie in die Zeit, nichts hemmt den Lauf
Und schnell sind wir ohn’ Zeitverlust am Ziel.

Doch wer beschreibt den Zauber dieser Welt,
die kühle Klarheit eines Frühlingstags,
das Blau des Firmaments, den Sommerwind,
die Farbenpracht des Herbsts, der sich verzehrt
in immer neuem wunderbaren Reiz?
Wer malt mit Worten einen Wintertag
mit Eiskristallen, gläsern, fein
wie ein Geschmeid’, erdacht von genialer Hand?

Der Blick, der zärtliche, den Frau und Mann
gewechselt liebevoll, wer hat die Worte noch
zu schildern Sehnsucht, Wärme, Leidenschaft?
Sind’s nicht Nuancen, voller Glut,
schattiert, dem Leben abgelauscht,
die uns des Daseins Gänze erst erschließen?
Die Sprache ist’s, die mitzuteilen uns
erlaubt die eig’ne Freud’ dem Freunde.
Ist das nicht recht das Wesen unsrer Welt?

Rainer Sliepen